Tallinn Dampf
Die Tallinn Dampflokomotive ist einer der Stars der diesjährigen Modellbahn Sonderschau
120 Jahre Märklin Spur 1
120 Jahre Modelleisenbahn
im Boxenstop Auto- und Spielzeugmuseum in der Brunnenstraße in Tübingen.
Kein Wunder! Die Tallinn ist für eine Modelldampflokomotive (Maßstab 1:10) ein gewaltiger Brocken: 2,6 m lang, rund 200 kg schwer, 9 Achsen (inklusive Tender). Das sind schon ganz ordentliche Werte.
Die Jungfernfahrt fand am 4. Advent im Rahmen der Eröffnung unserer Modellbahn-Ausstellung statt.
Aufgrund zahlreicher Nachfragen, wann denn die Tallinn nochmals dampft, haben wir uns entschieden, die Lokomotive am Sonntag, 15.01.2012 erneut auf die Gleise zu setzen. Vor dem Boxenstop wird ein 100 m langer Gleisstrang aufgebaut.
Tallinn dampfen macht Spaß. Nicht nur dem Lokomotivführer. Auch den Fahrgästen. Die Tallinn wird deshalb am kommenden Sonntag vor einen Personenwagen gespannt. Die Fahrt für Jung und Alt ist kostenlos.
Der Fahrplan sieht Fahrten zwischen 11.00 und 15.00 Uhr vor.
Tallinn - Ihre Geschichte
- Schnellzuglokomotive 2G1H2 aus Estland
- Spurweite 6
- Maßstab 1:10
- Länge über alles 2,60 m
- Gewicht rund 200 kg
- Kesselinhalt 18 l
- Restauriert von Herrn Wolfgang Bayer, Mittelstadt 2010/2011
Die Boxenstop Schnellzuglokomotive Tallinn gehört zum Besten, was es an Modell Live Steam Lokomotiven gibt. Sie wurde aufwändigst in über 500 Stunden restauriert. Leider wissen wir über die Geschichte dieser Lokomotive wenig oder besser nichts. Schade!
Auch ihr Name „Tallinn“ hat keine historischen Wurzeln. Der Name steht für die Hauptstadt Estlands, wo diese Lokomotive oder besser gesagt ihr Wrack gefunden wurde.
Boxenstop veranstaltet (Rund-)Reisen für Old- und Youngtimer. Diese Reisen werden sehr umfangreich vorbereitet, bevor wir mit unseren Teams losziehen. 2010 haben wir das Baltikum, alle drei Staaten Litauen, Lettland, Estland bereist. Zwei Mal. Einmal zur Vorbereitung, das andere Mal mit den Teams.
Im Mai startete die Vorbereitungsreise. Ein Ziel war Tallinn. Diese Stadt gehört zu den schönsten in Europa. Wir kamen Samstagabends im Hotel an, machten uns später auf, die Altstadt zu besichtigen. Am Weg lag ein Krimskrams-Händler. Es war dunkel und regnete. Das Schaufenster war mickrig beleuchtet. Dort stand in der Ecke ziemlich lieblos eine Live Steam Lokomotive. Obwohl stockdunkel konnten wir deutlich sehen, dass sie ihre besten Tage längst hinter sich hatte. Trotzdem hinterließ sie einen mächtigen Eindruck, weckte Kauflust. Knapp drei Monate später kamen wir erneut nach Tallinn. Nunmehr zusammen mit unseren Reisegästen. Klar, der Besuch beim Trödler und seiner Lokomotive hatte hohe Priorität. In der Zwischenzeit kam richtig Kauflust auf. Wir machten uns am helllichten Tag auf den Weg in der freudigen Erwartung, dass die Lokomotive noch da ist und wir bald ihr stolzer Besitzer sein werden. Im Laden kam die Ernüchterung. Die Lokomotive befand sich in einem noch viel schlechteren Zustand als beim ersten Mal wahrgenommen. Die Frage nach dem Tender wurde verneint. Es gäbe keinen Anhänger. Bumms. Das saß. Wegen des Zustandes und des fehlenden Tenders verspürten wir keine gesteigerte Lust mehr für den Eisbrocken. Uns war klar: Damit kaufen wir uns einen Haufen Arbeit ein. Und dann schreckte auch noch der hohe Preis ab. Der Verkäufer meinte, er komme jeden Monat ein Mal nach Leipzig auf eine große Antiquitätenbörse. Er könne die Lokomotive mitbringen.
Wir setzten die Rundreise fort, kamen Tage später wieder zurück nach Deutschland. Trotz aller Versuche ging uns die Lokomotive nicht mehr aus dem Sinn. Hatten wir einen Fehler gemacht? Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben dem Trödler in Tallinn einen Brief geschrieben und uns zum Kauf entschlossen. Allerdings unter zwei Voraussetzungen: der Preis musste deutlich nachgeben und die Lokomotive musste frei Leipzig geliefert werden. Offenkundig war der Este gottfroh darüber, dass sich jemand für dieses alte Eisen interessiert. Nicht anders kann seine prompte Reaktion und das Eingehen auf unser Angebot verstanden werden. So war das Spiel eröffnet. Oder vielleicht auch abgeschlossen. Ende August 2010 wurde die Lokomotive in Leipzig übernommen und nach Tübingen transportiert. Hier angekommen wurde sie nochmals eingehend inspiziert. Ihr Zustand war schlichtweg erbärmlich. Und nun?
Wie geht´s weiter? Denn in diesem Zustand konnte die Lokomotive unmöglich ausgestellt werden. Und dann auch noch ohne Tender.
Seit vielen Jahren kennen wir Herrn Wolfgang Bayer aus Mittelstadt als absoluten Dampfspezialisten. Er baut eigene Dampfmaschinen, war jahrelang Hobbyheizer auf einer Dampflokomotive, dem Sofa-Bähnle.
Nach einem Anruf durften wir die Lokomotive nach Mittelstadt bringen. Nach wenigen Tagen meldete er sich telefonisch. Er könne diese Lokomotive unmöglich restaurieren. Da stünde viel zu viel Arbeit ins Haus. Ein weiterer Tiefschlag. Fast schüchtern kam die Frage, ob wir uns nicht nochmals persönlich über die mögliche Restauration unterhalten könnten. Klar, wir sollten bei ihm vorbeikommen. Herr Bayer zählte uns alle Fehler, Mängel der Lokomotive auf. Alles war noch viel grausamer als beim ersten Augenschein. Nach circa 5 Minuten meinte er: Wenn ich wenigstens wüsste, wo ich den Injector einbauen könnte. Was? Herr Bayer beschäftigt sich schon mit dem Injector. Das könnte vielleicht doch noch was werden. Nach weiteren 5 Minuten willigte Herr Bayer ein, die Lokomotive zu restaurieren. Danach hat er sie komplett zerlegt mit einem wahnsinnigen Aufwand (ca. 500 Stunden) instandgesetzt und restauriert.
Da der Kessel mehr als 10 Liter Wasser fasst, haben wir ihn einer TÜV-Prüfung unterzogen. Im Dezember 2010, an einem der kältesten Tage des Winters, wurde der Kessel in Horb-Altheim im zugigen Freien einer Druckprüfung unterzogen. 16 bar! Diesem gewaltigen Druck hat der Kessel problemlos standgehalten. Wir erhielten das TÜV-Zertifikat. Nunmehr waren alle Hürden übersprungen, ging´s ins Eingemachte. Als die Lokomotive in neuem Glanz fertiggestellt war, wahrscheinlich besser als je zuvor, machte sich Herr Bayer an den Tender. Die beiden Fahrgestelle haben wir bei der Firma Zimmermann in Öhringen erworben. Alles andere, Rahmen, Karosserie, wurde von Herrn Bayer entworfen und gebaut. Im Tender gibt´s ein Kohlefach, einen Wassertank und ein Fach mit einem Kompressor. Dieser wird mit einer Motorrad-Batterie angetrieben. Mittels Pressluft werden die Bremsen betätigt - wie an einer richtigen Lokomotive. Auch sonst entspricht die Lokomotive ihren großen Brüdern. Feuerbuchse, Siederohre, Rauchrohre, Eckeinspeisventile, Hilfsbläser, Achspumpe, Dampfstrahlpumpe, gefedertes Fahrwerk. Besonders interessant ist die Steuerung. Gegenkurbel und Voreilhebel wie bei Heusinger-Steuerung; aber statt Schwinge ganz andere Bauart, voraussichtlich wie in USA.
Nachdem sich der Tender zur Lokomotive gesellte, galt es, noch einen Namen zu finden. Das war das kleinste Problem: Tallinn.
Am Sonntag, 18.Dezember 2011 hat die „Tallinn“ ihre Jungfernfahrt mit Bravour bestanden. Exakt am Tag der Eröffnung der Modellbahn-Sonderschau
120 Jahre Märklin Spur 1
120 Jahre Modellbahnen
Übrigens: Beinahe hätten wir´s vergessen. Mit ihrer Spurweite 6 Zoll fällt die Tallinn in Mitteleuropa total aus den „Gleisen“. Solche Spurweiten sind bei uns nicht bekannt. Deshalb mussten wir auch noch eigene Gleise herstellen. Wir haben den Eindruck, das war für Herrn Bayer die leichteste Übung.

Ist sie nicht schön, ja großartig, die Tallinn? Wir können uns an diesem grünen Dampfross jedenfalls nicht satt sehen. Sie auch?


